Mit dem Ernst einer Religion sei es vorbei, wenn man anfange, Witze über sie zu machen. Wenn ehrfürchtige Anbetung einer Heiterkeit weiche, sei es nicht mehr weit zur Lächerlichkeit der Religion, ihrer Praxis und letztlich ihres Gottes selbst. Was wie ein Untergangsszenario klingt, ist der christlichen Religion schon von Anfang an mitgegeben. Spott und Witz und Glauben sind meiner Religion in die Wiege, nein, in die Krippe gelegt. Ob Jesus nun in einer solchen gelegen hat oder nicht, er wurde den Erzählungen nach von einer jungen Frau geboren und geriet sofort in prekäre Verhältnisse, einerseits. Denn der Ärmlichkeit der Unterkunft steht nicht weniger als ein gewaltiger Stern am Himmel gegenüber, der weise Männer von weit her mit edlen Geschenken anlockt. Und nicht nur diese kommen, auch Hirtinnen und Hirten vom Feld nebenan eilen herbei. Sie haben es nicht so weit. Was für ein Völkchen hat sich da versammelt! So kontrastreich der Himmel mit Stern und Engeln gegenüber dieser Hütte ist, so gegensätzlich sind auch diese Gäste. Die Tiere nicht zu vergessen, und auch nicht Owi, den Generationen von Kindern dazugestellt haben – wortgetreu nach dem bekannten Weihnachtslied „Stille Nacht … alles schläft, Owi lacht …“.
Gegensätze ziehen sich an, oder auch nicht
Kontraste, spannungsgeladene Gegensätze sind die Auslöser von Komik. Es passt nicht zusammen – darüber mögen die einen erfreut lachen, die anderen spotten. Sprachliche Mittel der Komik bilden die Stilmittel der weiteren Erzählungen. Herodes ist kein besonderer König mehr angesichts dieses Kindes, dessen er trotz aller Brutalität nicht habhaft werden kann (Matthäus 2,16). Später wird ein reicher und frommer Mann unglücklich abziehen, weil er sich nicht auf das Kunststück versteht, als Kamel durch ein Nadelöhr zu schlüpfen (Markus 10,25). Die römischen Legionäre werden irgendwann das Vergnügen haben, zu Schweinen verwandelt im See Genezareth ein Bad zu nehmen (Markus 5,1–20).
Immerhin hieß der Dämon, den Jesus da austrieb, „Legion“, denn „Wir sind viele!“ Sollte also die dämonische Krankheit der Besessenheit mit der politischen Krankheit der Besatzung einhergehen? Ein Schelm, wer der Bibel hier politischen Witz unterstellt!
Macht und Ohnmacht, Zugehörigkeit und Ausgeschlossenheit, Hoch- und Niederrangiges geraten in den Evangelien ordentlich durcheinander, bis eine neue Ordnung durchschimmert. Zart noch und in den Anfängen, aber faszinierend und verlockend für alle, die Hunger haben, auch Hunger nach Freiheit und Gerechtigkeit. Der erwachsene Jesus hat wie ein Hippie eine bunte Schar Aussteiger um sich. Nicht einmal seine eigene Sippe gilt ihm noch was, stattdessen wählt er sich eine andere. Es ist bestimmt nicht das einzige Mal, dass ihn die Seinen für verrückt erklären: „Er hat den Verstand verloren“ (Markus 3,21).
Schöne Gesellschaft
Jesus galt den Seinen und anderen als verrückt. In letzter Konsequenz ist er mit Hohn und Spott überschüttet worden. Der Wanderprediger und Wunderheiler, der Erzähler merkwürdiger Gleichnisse und schlagfertige Gegner in hitzigen Wortgefechten – so blendend er auch dargestellt wird, er ist eben kein Superstar, kein unverwundbarer Siegfried. Seine Verletzlichkeit bezieht sich auf seine ganze Existenz, nicht nur auf eine einzige Körperstelle. Er stieg von keinem Kreuz herab. Später ist es dann wieder so eine kleine Schar Leute, denen göttliche Geistkraft mächtig in die Glieder fährt und vor allem die Zunge befällt. Obwohl, reden können sie ja schon. Lallen sie jetzt etwa? Auf alle Fälle verstehen sie sich nun sogar in ihren unterschiedlichen Sprachen. Auch sie ziehen wieder Spott auf sich, sie seien voll süßen Weins (Apostelgeschichte 2,13). Der Spott, unter dem Paulus leidet, ist dabei noch gar nicht erwähnt. Wer einen Gekreuzigten als Auferstandenen und dann noch als den eigentlichen Retter oder Heiland – Adelstitel der römischen Cäsaren – verkündigt, redet wie ein Narr (1 Korinther 1,18). Der ist sogar ein Narr, schwach, ein Hungerleider und nichts wert. Paulus hat das am eigenen Leib erfahren und gibt es allen in der Nachfolge Jesu mit auf den Weg: Wir sind Narren in Christo (1 Korinther 4,10).
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Unsinn oder Mehrsinn
Irgendwann habe ich angefangen, diese Komik ganz ernst zu nehmen. Es war so, als fiele sie mir überhaupt zum ersten Mal auf. Bis dahin hörte ich die Weihnachts-, die Oster- und die Pfingstbotschaften zwar als stimmungsvolle, feierliche und mitunter auch ausgelassene Ereignisse, doch in einer Art von Selbstverständlichkeit, die mir das Spektakuläre und Komische darin verstellte. Doch was heißt es wirklich, an einen solchen Gott zu glauben, wie ihn die beiden Testamente präsentieren? Zwar irgendwie mächtig und zugleich absolut schwach. Sehr wohl eine Ehrfurcht erweckende Autorität und doch recht durchsetzungsschwach. Große Visionen, die immer wieder klein aufschimmern. Mit klaren Ansagen für ein gerechtes und friedliches Leben, dessen Verwirklichung aber doch an uns liegt. Eine Rede von Gott, die immer wieder bei uns Menschen landet. Traditionelle Gottesvorstellungen passen einfach nicht zu diesen Geschichten. Doch anstatt diesen närrischen Geschichten von einem komischen Gott für Unsinn zu erklären, hat das Christentum genau in diesen Geschichten seinen Ursprung und hält sie für wichtig und richtig, trotzdem. Gerade darin könnte ja auch mehr Sinn stecken.
Die Rede von einem komischen Gott verkörpern
Wenn sich Inhalt und Form entsprechen sollen, muss ich also komisch von Gott sprechen, oder? Ich darf mich trauen, selbst komisch zu wirken, wenn ich es tue. Es darf ruhig paradox und schräg sein. Einmal haben wir, eine Gruppe von Pfarrerinnen und Pfarrern, versucht, uns ins Bild der Auferstehung zu setzen. Als merkwürdige Gestalten kamen wir daher. Die Kleidung irgendwie unpassend, die Jacken zu groß, die Hosen zu kurz, die Röcke zu bunt, die Haare wirr. Schräg anzusehen, wie wir da versuchten, die Schönheit der Körper auszudrücken, von der es heißt, dass sie sich dann zeigen wird. Jeder Körper wird in seiner je eigenen Schönheit auferstehen (1 Korinther 15,39 f.)*. So wie sich jetzt schon zeigt: „Und siehe, es war sehr gut!“ (Genesis 1,31). Unsere Schönheit war allerdings wie nicht von dieser Welt, besonders als wir dann noch jeweils auf ein Podest stiegen, um uns zu präsentieren. Die eine biegt und dreht sich, hebt die Arme weit über den Kopf als würde sie komplizierte Kunststücke auf dem Eis darbieten. Die nächste bewegt sich anmutig in einem Tanz. Dann singt einer ein anrührendes Lied in einer unverständlichen Sprache. Ein weiterer stellt sich mit ausladenden Gesten wie eine Statue vor. Noch einer streicht eine imaginäre Geige und es ist, als könnten alle ihre Töne vernehmen. Begleitet wird jede Gestalt von der Aufmerksamkeit der anderen, die nebenein ander und hintereinander auf ihren Stühlen sitzen. Entweder sie stellen das Orchester dar, sie folgen den einzelnen Bewegungen mit bewundernden Tönen oder sie klatschen im Rhythmus. Am Ende jeder Präsentation eine Verbeugung, Tusch und Applaus. Anrührend und lustig zugleich war das. Es hat uns hineingeworfen mitten in das Leben der überhaupt nicht Schönen und Erfolgreichen. Doch wie schön waren sie anzusehen! In ihrer jeweiligen Besonderheit und ihrer Hingabe. Göttlich schön sogar.
Dr. Gisela Matthiae
Theologin und Clownin, Pfarrerin am EVAngelischen
Frauenbegegnungszentrum in Frankfurt/Main
Beitrag in der Jungen Kirche 2/2913
Text als PDF-Dokument
Literatur
Gisela Matthiae, „Wo der
Glaube ist, da ist auch Lachen“.
Mit Clownerie zur Glaubensfreude.
Kreuz Verlag,
Freiburg 2013
* Zum Weiterlesen: Claudia Janssen, Endlich leben. Die Kraft
der Auferstehung erfahren. Freiburg 2013. |